Bildungs- und Berufsbiographien

Betrachtung der Lebensläufe von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich Sprache

Eine Studie der Universität Leipzig

Abschlussbericht I: 2009/2010

Beteiligte Institutionen

Im Rahmen der Fragebogenaktion mit ehemaligen Schülern der Sprachheilschulen wurde zunächst mit den dgs-Landesgruppen der ausgewählten Bundesländer (Freistaat Sachsen und Nordrhein-Westfalen) Kontakt aufgenommen. Ausgehend davon konnten wir insgesamt 11 Sprachheilschulen gewinnen, die sich an unserer Studie beteiligen wollten und auch noch entsprechende Schülerdaten von den Einschulungsjahrgängen 1990-1993 zur Verfügung hatten. In Sachsen wurden dazu beispielsweise alle 7 Sprachheilschulen angefragt. Leider verfügten nur noch 3 dieser Schulen über die angefragten Daten.

Im Rahmen der Gegenüberstellung zwischen der Selbsteinschätzung von Schüler und der Einschätzung  der abgebenden bzw. zukünftigen Lehrer wurde mit zwei Berufsbildungswerken kooperiert (BBW Leipzig und BBW Winnenden). Neben den Einschätzungen, die die dortigen neuen Schüler in den BvBs und BVJs abgaben und den Einschätzungen der aktuellen Lehrer wurden über diese Berufsbildungswerke wiederum die jeweils ehemaligen Schulen dieser Schüler zu entsprechenden Einschätzungen angefragt.

 

Beteiligte Sprachheilschulen:

Nordrhein-Westfalen:

 Sachsen

 

Beteiligte Berufsbildungswerke: 

 

Beteiligte Verbände:

Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e.V.

o   Landesgruppe Rheinland

o   Landesgruppe Sachsen

 

Arbeitsschwerpunkt 1:

Gegenüberstellung: Selbsteinschätzung Schüler vs. Einschätzung abgebende /zukünftiger Lehrer

Zeitraum: 08/2009 – 02/2010

Mit Hilfe eines Fragebogens wurden Schüler des BvJ und BvB von Berufsbildungswerken für Hör- und Sprachgeschädigte befragt. Zusätzlich zur Ursprünglichen Planung der Befragung am BBW Leipzig wurde die Befragung auch noch am BBW Paulinenpflege Winnenden durchgeführt. Die Schüler der BBWs kommen aus dem gesamten Bundesgebiet nach Leipzig und Winnenden.

Ein Problem im Übergang von der allgemeinbildenden Schule in den berufsbildenden Bereich stellt, nicht nur bei Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich Sprache, eine mangelhafte realistische Einschätzung bezüglich der eigenen Fähigkeiten, Kompetenzen und Stärken dar. Dies ist zum Teil ein altersbedingtes Problem, zum Anderen bei Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf möglicherweise auch durch den Förderort und den fehlenden Abgleich zu Schülern ohne Förderbedarf bedingt.

Aus diesem Grund wurde ein Fragebogen zu Fähigkeiten, Kompetenzen, Schulleistungen, Berufswünschen und sprachlichen/kommunikativen Fähigkeiten entwickelt. Dieser Fragebogen berücksichtigt die Schwerpunkte von diagnostischen Verfahren und Fragebögen der Berufsorientierung und Berufsberatung wie BIP - Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (Hossiep/ Paschen, 2003), IBES - Inventar berufsbezogener Einstellungen und Selbsteinschätzungen (Marcus, 2006) und O-AFP - Osnabrücker Arbeitsfähigkeitenprofil (Wiedl/ Uhlhorn, 2006) sowie Materialen der Arbeitsagentur (z.B. Berufe-Planet). Die Schwerpunkte betrafen folgende Aspekte:

 

Mit dem Fragebogen wurden die Schüler des BvJ und BvB der Berufsbildungswerke für Hör- und Sprachgeschädigte in Leipzig und Winnenden befragt. Ebenso erfolgten eine identische Befragung der Lehrer am BBW sowie der Lehrer an den von den Schülern zuletzt besuchten allgemeinbildenden Schulen. Somit konnte die Selbsteinschätzung der Schüler mit der Einschätzung der Lehrer verglichen werden. Auf diese Weise sollte deutlich werden, wie realistisch und an den Bedürfnissen der Berufswelt orientiert das Fähigkeits- und Kompetenzprofil der Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich Sprache und ihrer Lehrer an den allgemeinbildenden Schulen ist.

 Erste Ergebnisse für diesen Bereich wurden auf dem 29. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik in Dortmund und auf dem Kongress teilhaben2010 in Berlin präsentiert. Aktuell ist eine Publikation für die Zeitschrift für Heilpädagogik in der Vorbereitung. Aus diesem Grund folgt an dieser Stelle nur eine kurze Schilderung der wichtigsten Ergebnisse. Der Artikel wird dann nach seinem Erscheinen in der Zeitschrift nachgereicht.

 

Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse:

Bezogen auf die befragten Kompetenzbereiche zeigten sich Unterschiede zwischen der Urteilen der Schüler und Lehrer. Diese sind jedoch eher als ein generelles Phänomen anzusehen, das nicht spezifisch für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich Sprache ist.

So unterschied sich die Beurteilung der Schüler in den Bereichen Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Arbeitsweise und soziale Kommunikation sowohl von den aktuellen Lehrern, als auch von den abgebenden Lehrern. Die Lehrer untereinander unterschieden sich jedoch in ihren Bewertungen nicht.  Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei der Betrachtung der Kommunikations- und Kontaktfähigkeit. Für diesen Bereich unterscheiden sich alle drei Gruppen voneinander. Die Schüler beurteilen sich auch in diesem Bereich besser als sie von den Lehrern beurteilt werden. Die Lehrer an den BBWs schätzen die Schüler jedoch als etwas kommunikativer und kontaktfreudiger ein als die abgebenden Lehrer. Hier sehen wir einen Effekt des Schulwechsels. Aufgrund des Schulwechsels und den damit verbundenen Umstellungen müssen sich die Jugendlichen in neuen Klassen- und Lehrerkonstellation bewähren. Dadurch werden sie von den Lehrern an den BBWs als kontaktfreudiger und kommunikativer wahrgenommen.

Die Selbsteinschätzung der Sprachbehinderung zeigte die geringsten Unterschiede zwischen den Gruppen. In diesem Bereich ging es um mögliche Einschränkungen, Vermeidungsstrategien sowie die Offenheit in Kommunikationssituationen.  Für diesen Bereich stimmten die Beurteilung der Schüler mit den abgebenden Lehrern überein und die Beurteilungen der Lehrer untereinander. Die geringen Unterschiede zwischen den Beurteilungen der Schüler und den aktuellen Lehrern am BBW waren jedoch statistisch signifikant.

Die Auswertung bezogen auf die Leistungen in bestimmten Schulfächern (Deutsch, Mathematik) steht aktuell noch aus.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich die Urteile der abgebenden und aktuellen Lehrer nicht unterscheiden. Demzufolge sollten auch die Rückmeldungen an die Schüler vergleichbar sein. Diese Rückmeldungen sind die Grundlage für das Ausbilden eines realistischen Selbstbildes der Schüler und damit für die Herausbildung eines realistischen Berufswunsches. So kann konstatiert werden, dass die Professionalisierung im Bereich Sonderpädagogik und im Bereich Berufliche Rehabilitation stimmt. Das Problem der Schüler ist aufgrund der Daten nicht im Bereich der „soft skills“ zu suchen. Vielmehr vermuten wir sonstige Einflüsse der Sprache auf die Schulleistungen der Jugendlichen, die durch eine stärkere Praxiskomponente in der Berufsorientierung ausgeglichen werden sollte.

Arbeitsschwerpunkt 2:

Befragung ehemaliger Schüler der Sprachheilschulen

Zeitraum: 11/2009 – 11/2010

Mit Hilfe eines Fragebogens wurden ausgewählte Einschulungsjahrgänge (1990 - 1993) der Sprachheilschulen in den Bundesländern Sachsen und Nordrhein-Westfalen bezüglich ihres beruflichen Werdegangs befragt. Insgesamt wurden 1285 Briefe über die teilnehmenden Schulen an ihre ehemaligen Schüler versendet. Diese Briefe enthielten neben dem Fragebogen einen frankierten Rückumschlag. Ebenso wurde den Teilnehmern die Möglichkeit der Beantwortung über ein Onlineformular gegeben. Wie aufgrund des Rückgriffs auf 20 Jahre alte Adressen zu erwarten war, konnte die Hälfte von diesen Briefen nicht zugestellt werden. Bis Dezember 2010 wurden 92 Fragebögen zurückgesandt. Dadurch ergibt sich eine Rücklaufquote der 705 zustellbaren Briefe von ca. 13,0%.

Im Fragebogen wurden u.a. Bildungsweg (Schulart, Abschluss, Berufsbildung), Ausbildungsberuf, aktueller Beruf, Selbsteinschätzung der sprachlichen / kommunikativen Fähigkeiten erfragt. Im Mittelpunkt des Interesses stand dabei die Frage, in wie fern der vorübergehende Besuch der Sprachheilschule/ Sonderschule für Sprachbehinderte langfristig Auswirkungen auf die berufliche Perspektive von Schülerinnen und Schülern hat. Zu diesem Bereich werden weder von den Kultus- und Bildungsministerien noch von der Agentur für Arbeit Statistiken geführt.

Eine detaillierte Darstellung der Ergebnisse des Arbeitsschwerpunktes 2 ist in folgendem Beitrag veröffentlicht:


Sallat, Stephan; Spreer, Markus (2011): Exklusive Förderung ermöglicht Teilhabe - Bildungs- und Berufsbiographien ehemaliger Schüler der Sprachheilschulen, Sprachheilarbeit, 2/2011, 78-86.

Arbeitsschwerpunkt 3:

Darstellung der Ausbildungsmöglichkeiten und Hilfssysteme

Zeitraum: 12/2009 – 10/2010

Von Seiten der Agentur für Arbeit existieren für Jugendliche mit Sprachbehinderungen Hilfssysteme, die eine erfolgreiche Berufsvorbereitung und Berufsausbildung unterstützen und ermöglichen sollen. In den einzelnen Bundesländern sind darüber hinaus zusätzliche Unterstützungsangebote (z.B. Berufseinstiegsbegleiter) installiert. Neben diesen Hilfen für Sprachbehinderte bestehen bundesweit zusätzlich unterschiedliche Angebote für Jugendliche mit sprachlichen Beeinträchtigungen infolge eines Migrationshintergrundes. Da sich die Angebote zwischen den Bundesländern deutlich unterscheiden und es auch für andere Behinderungsarten spezielle Unterstützungsangebote gibt, ist es das erklärte Ziel die Bandbreite möglicher Förderformen aufzuzeigen und eventuelle Adaptionsmöglichkeiten für den sprachheilpädagogischen Bereich abzuleiten.

Eine Darstellung für den Arbeitsschwerpunkt 3 ist in folgendem Beitrag veröffentlicht:

Sallat, Stephan; Spreer, Markus (2010): Schule - und dann? - Der Übergang in die Berufsausbildung im Fokus der Sprachheilpädagogik, Sprachheilarbeit 4/2010, 190-193.